Wahrheit

"Danke dass du trotzdem mit mir zusammen bist..."

Ich schaute sie irritiert an. Wir waren auf dem Weg nach Hause, nachdem wir Sie heim gebracht hatten. Der Tag war einfach wundervoll gewesen.

Wieder einmal war Valentinstag, wieder einmal wollte ich den Tag mit einem Essen beschliessen mit der Frau, die ich liebe. Nur wollte ich dieses mal zeigen, dass es mir trotz Ihrer Abwesenheit in meinem Leben dennoch vergleichsweise gut geht, wollte ihr zeigen, warum ich mit dem Schmerz leben kann, was mir Trost gibt. Deshalb hatte ich meine Freundin zu diesem Essen mitgenommen. Auch wenn es Sie ein wenig verwirrte als ich sie abholte eine weitere Frau in meinem Wagen zu sehen, sagte sie doch kein Wort des Kommentars dazu. Vieleicht war sie sogar ganz froh gewesen, mit mir nicht gar so alleine sein zu müssen.

Ich war schon den abend zuvor voller Vorfreude über meine Freundin hergefallen und auch wenn es für sie genauso erregend und erschöpfend befriedigend war wie jedesmal, wenn ich es mit ihr tat, so war ich doch in Gedanken nicht immer an Ort und Stelle. Vielmehr schwelgte ich wohl das eine der andere mal in der Vergangenheit, in der Vergangenheit, in der ich mit Ihr zusammen war, in der ich Sie auf diesem Bett hatte, in der ich so unglaublich, unendlich viel Spass mit Ihr hatte.

Aber wer in der Vergangenheit lebt wird keine Zukunft haben. Also vergrabe ich all das stets tief in mir und gestatte mir allenfalls an einem einzigen Tag im Jahr diese Gedanken und Emotionen des Vergangenen an die Oberfläche zu lassen, gestatte ihnen, von mir Besitz zu ergreifen - zumindest für eine gewisse, beschränkte Zeit lang.

Was war das für ein Anblick gewesen, als sie die Tür öffnete als ich sie abholte. Ich konnte es mir wieder einmal nicht verkneifen, einen Pfiff der Bewunderung heraus zu lassen, den sie auch lächelnd zur Kenntniss nahm und mir dann zum Wagen folgte. Ich versuche dabei, jedes Mal eine möglichst gute Figur zu machen und hole für diesen Tag meine besten Klamotten aus dem Schrank - und wenn nicht die besten, dann sind es doch zumindest die in denen ich den knackigsten Hintern, die dünnste Taille und die imposanteste Haarpracht zur Schau stelle. Im Grunde wollte ich meistens nur bezwecken, dass sie ein Bisschen bereut, dass sie mich verlassen hatte, dass sie vielleicht sogar zu mir zurück kommt, auch wenn ich letzteres eigentlich nicht wirklich wollte.

Eigentlich wie jedes Mal fingen wir im Auto recht frostig an und wurden erst nach den ersten Kurven auf der Hauptstrasse warm. Es war nicht einmal die Tatsache, dass meine Freundin auf dem Rücksitz sass, vielmehr war es wohl einmal mehr die unterschiedliche Erwartungshaltung auf das, was kommen würde.

Auf bei genauestem Überlegen konnte ich keine grossen Unterschiede zu unseren vorigen Valentinsverabredungen feststellen. Wir unterhielten uns fabelhaft, auch wenn meine Freundin ein Bisschen still war und selten einmal an dem Gespräch teil nahm.

Wieder einmal hatte sie nur ein lockeres Hemdchen an, unter dem sie nichts weiter trug als ihre nackte Haut. Ich konnte einfach nicht anders, als mit all meinen verfügbaren Augen zu versuchen einen Anblick mehr zu erhaschen, auch wenn ich sie schon vollständig, vollkommen kannte und mit Sicherheit nichts Neues gesehen hätte. Äusserst verführerisch war der Anblick dennoch, blitzte doch nicht der Hauch einer Spur eines BHs unter den Stoff hervor, der ihren Körper so sanft verhüllte, dass mir jedes Mal, wenn sie sich wieder einmal nach vorne an den Tisch beugte mir das Essen fast aus dem Mund fiel weil ich einmal mehr diesen wundervollen Anblick geboten bekam, den ihr Dekoltee mir zu bieten hatte.

Selbst, als sie begann, von ihrem bisherigen Leben, von ihrer Arbeit und sogar von ihren Ex-Freunden zu erzählen, blieb ich vergleichsweise ruhig wenn man meine wirklichen Gefühle für sie bedenkt, die sie damit einmal mehr erschüttert und in Frage gestellt hatte. Aber wahrscheinlich hat sich für mich ohnehin alles viel zu sehr verselbstständigt, dass mich auch das nicht viel mehr verwirren kann.

Selbst als wir schon mit Essen fertig waren sprachen wir noch fast eine Stunde über Gott und die Welt, spässelten herum und jammerten uns gegenseitig etwas vor wie schlimm doch einiges in der Vergangenheit gelaufen war. Tatsächlich erzählte sie wie ein Wasserfall, was ich aber ja schon von ihr gewohnt war von unseren letzten Treffen.

Selten machte es mir so viel Spass sie wiederzusehen, wie an unseren alljährlichen Verabredungen. Wenn ich sie in der Stadt sah, wenn ich irgendwo in einem Cafe sass und sie vorübergehen sah, sie beobachtete wie sie irgendwo einkaufen war und wenn es im Supermarkt war, immer hatte ich ein äusserst mulmiges Gefühl der Sehnsucht, des leeren Herzens und vor allem der verlorenen Liebe, das ich für diese Sekunden nicht unterdrücken konnte. Aber wenn ich ihr dann gegenüber sass, dann ging all das einfach so.

Entsprechend glücklich musste ich sie wohl auch angeschaut haben, wie ich mir dachte, denn das war das einzige, was sie mir vielleicht vorwerfen könnte, das einzige, was ich an diesem Tag für sie vielleicht noch falsch gemacht hatte. Ich konnte aber auch einfach nicht anders. Jeder andere hätte sich wohl ebenso verhalten. Was sollte man auch machen, wenn man seiner Geliebten, der Göttin seines Herzens, der Beherrscherin seiner Seele, der Sehnsucht seines Körpers gegenüber sitzt, die so zu unrecht aus seinem Leben gerissen worden war wie Sie damals. Zumindest diese eine Leidenschaft, diesen einen Fehler gönnen ich mir in meinem Leben, zumindest diese eine krankhafte Sucht möchte ich mir als Laster bewahren.

Nach diesen endlosen Sekunden des Nachdenkens, des Revue passieren lassens des vergangenen Tages, der vergangenen Stunden brachte ich dann doch ein Wort der Antwort heraus.

"Wieso?"

"Weil du mich niemals so ansehen wirst, wie du sie angesehen hast."